Quellen
Die ursprünglichsten Heiligen Orte der Menschheit
Kaum etwas in der Natur vermag unsere Gemüt so unmittelbar zu berühren wie eine sprudelnden Quelle. Allein der Anblick der Wasserstrudel und die rauschenden oder gurgelnden Klänge haben einen anregendem, harmonisierendem und inspirierendem Einfluss auf uns. Aber eine Quelle ist nicht nur ein bewegendes sinnliches Erlebnis, sie ist auch ein beeindruckendes energetisches Ereignis und unter umständen ein Ort spiritueller Offenbarung. Quellen und Brunnen gehörten seit Jahrtausende zum alltäglichen Leben der Menschen im Alpenraum. Nach den Mythen und Funden zu schließen, sind sie die ursprünglichsten Heiligen Stätten unserer Kultur, Zentren des religiösen und gesellschaftlichen Lebens sowie Orte der Einkehr, Kraft und Heilung. Quellen gelten seit jeher als unmittelbar mit dem Göttlichen verbunden; ja das Wort Quelle ist Synonym für das Göttliche, für den Ursprung der ewig sprudelnden Lebenskraft.
Unzählige Dichter haben ihren geheimnisvollen Zauber besungen, doch die schönsten Verse vermögen ihn nicht zu erfassen. Der Einzige Zugang zu ihrem magischen Wesens liegt in der unmittelbare Erfahrung, denn der Ort wo ihr Wasser aus der Erde quillt ist zugleich eine magische Pforte, durch die der Weg in die Tiefe unseres eigenen Wesens führt.
Versiegt, verdolt vergessen
Angesichts der Bedeutung der Quellen in unserer religiösen und kulturellen Vergangenheit, ist es äusserst bedauerlich, dass auf dem Gebiet der Schweiz nur noch knapp zwei Prozent der einstigen Quellen nicht gefasst und eingedohlt sind. Wir können zwar Zuhause das Wasser im Handumdrehen aus dem Hahn fließen lassen, aber wir haben das Erlebnis der natürliche fließenden Quellen weitgehend verloren.
Aber überall wo eine Quelle aus der Erde sprudelt die Atmosphäre von ihrem Geist erfüllt. Demnach sind alle natürlichen Quellen heilig und nicht nur die tradierten Kultquellen oder christlichen Heiligenquellen heilig, insbesondere heute, wo sie extrem selten geworden sind. Quellen sind die Edelsteine der Landschaft, Energiezentren, deren positiver Einfluss auf unser Wohlbefinden unbestritten ist. Aber man muss sich zu ihnen begeben.
Vitalisieren und Renaturieren
Natürliche, frei fließende Quellen, bilden wertvolle Kleinbiotope, ohne die verschiedene Insekten und Weichtiere, aber auch der Feuersalamander oder die Libellenart der Quelljungfrau nicht existieren könnten. So klein diese Biotope auch sein mögen, haben sie doch einen großen Einfluss auf das fein gewirkte Gewebe der Natur. Ein Bergbauerphilosoph sprach bereits vor Jahrzehnten von der drohenden „Sündtrockenheit“ als Folge der Zerstörung des natürlichen Wasserhaushalts durch Quellfassungen und Bacheindämmungen.
Quellen sind nicht nur Symbole der Erneuerung, sie haben tatsächlich eine große Fähigkeit zur Regeneration. Vor allem gefasst Quellen, deren Wasser nicht mehr benötigt wird, sowie zusammengebrochene Entwässerungssysteme sind ideale Objekte für eine Revitalisierung. Jens Zollhöfer konnte zum Beispiel im Jura einen Bauern dazu gewinnen, eine mitten in einer Weide liegenden völlig versumpfte Quelle einzuzäunen und damit vor Viehtritt zu schützen.
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Bereits ein Jahr darauf war der Sumpf eingetrocknet und die Quelle bildete wieder einen Quellbach. Bald kamen auch die ersten Quelltiere zurück und die Artengruppen stiegen von 9 auf 23. Inselbiotope, wie Quellen es sind, erschweren den Organismen eine Neubesiedlung. Dies gilt um so mehr wenn sie viele Kilometer auseinander liegen. Und doch gelingt es den kleinen Quellspezialisten eine revitalisierte Quelle zu erreichen. Wie sie dieses Kunststück schaffen ist bis heute ein biologisches Rätsel. Es ist aber auch ein hoffnungsvolles Beispiel wie sich die Natur auf wunderbare selbst erneuert, wenn man ihr die Gelegenheit dazu gibt.
Quellen sind lebendige Gleichnisse der Kraft des Gebens
Im Gegensatz zu anderen Sonderbiotopen wie Trockenwiesen oder Hochmoore sind Quellen nicht geschützt. Zur Zeit sind Bestrebungen im Gange frei fließende Quellen zu erfassen und unter Schutz zu stellen sowie gestörte respektive unnötig gefasste Quellen zu renaturieren. Bis ein entsprechende Gesetzt verfasst und angewendet werden kann, werden im besten Fall Jahre vergehen. Gefragt ist deshalb vor allem das Engagement naturliebender Menschen.
Nach den Sagen und Mythen zu schließen, haben Quellen den Menschen über unzählige Generationen hinweg auf vielfältige Weise gedient, es scheint, als würden sie heute auch unserer Hilfe bedürfen. Wer etwas für die bedrohten, verdolten und vergessenen Quellen tun will, setzt sich am besten für den Schutz oder die Renaturierung einer Quelle in seiner Gemeinde oder näheren Umgebung ein. In vielen Fällen ist dies ohne großen Aufwand machbar und wo es die Umstände nicht erlauben, könnte zumindest ein naturnaher Quellbrunnen geschaffen werden. Gerade in unseren Siedlungs- und Kulturlandschaften wirken solche Orte als Kraftzentren, die einen positiven Einfluss auf ihre Umgebung haben. Mit der Freisetzung von Quellen werden außerdem Orte geschaffen, wo Menschen auch in ihrem unmittelbaren Lebensraum Gelegenheit haben eine Quelle zu erleben und deren frisches, energetisch hochwertiges Wasser zu trinken.
Die Rückgabe einer Quelle ist vor allem eine gute Möglichkeit für einen Akt tätiger Reue und Wiedergutmachung an die Natur, denn in der Umweltzerstörung gibt kaum Unbeteiligte. Außerdem entwickelt sich zu einer Quelle, an deren Freisetzung man persönlich mitgewirkt hat, eine echte Beziehung, was der eigentliche Schlüssel zu ihrer Kraft ist. Und dann ist noch zu erwähnen, dass nach der Naturmythologie Quellgöttinnen und Nymphen sich jenen gegenüber, die ihnen einen Dienst erweisen, sehr dankbar zeigen.
Last updated: 23.06.2005 by webmaster
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